Atemgesundheit

Warum Nasenatmung Entzündungen reduzieren kann

Wie ein einfacher Wechsel in der Art, wie Sie atmen, Ihr Immunsystem stärkt, chronische Entzündungen senkt und warum Ihr Körper ein entzündungshemmendes Molekül produziert — aber nur, wenn Sie durch die Nase atmen

Frau atmet bewusst durch die Nase in der Natur

Anja Fried

Geschrieben von Anja Fried am 23. März 2026
Redakteurin | Gesundheitsberaterin

Sie tun es etwa 20.000 Mal am Tag. Automatisch. Ohne darüber nachzudenken. Atmen ist die grundlegendste Funktion Ihres Körpers — und gleichzeitig die am meisten unterschätzte.

Denn wie Sie atmen, macht einen enormen Unterschied. Nicht nur für Ihre Lunge. Sondern für Ihr Immunsystem, Ihre Gefäße, Ihr Nervensystem — und vor allem für das Entzündungsgeschehen in Ihrem gesamten Körper.

Die Forschung der letzten zwei Jahrzehnte hat eine Entdeckung hervorgebracht, die so simpel klingt, dass man sie kaum glauben möchte: Nasenatmung produziert ein Molekül, das Entzündungen hemmt, Viren abtötet und Blutgefäße erweitert. Mundatmung tut das nicht.

Der Unterschied zwischen Nase und Mund ist kein Detail. Er ist ein biochemischer Schalter — und die meisten Menschen ahnen nicht einmal, dass er existiert.

Das Molekül, das alles verändert: Stickstoffmonoxid

Wissenschaftliche Darstellung der Nasenatmung

1998 erhielten drei Wissenschaftler den Nobelpreis für Medizin für eine Entdeckung, die die Medizin grundlegend veränderte: das Molekül Stickstoffmonoxid (NO). Sie zeigten, dass dieses winzige Gasmolekül als Signalstoff im Körper wirkt — es erweitert Blutgefäße, reguliert den Blutdruck und spielt eine zentrale Rolle im Immunsystem.[1]

Was damals weniger Beachtung fand: Bereits 1991 hatten die schwedischen Forscher Jon Lundberg und Eddie Weitzberg am Karolinska-Institut in Stockholm eine bemerkenswerte Entdeckung gemacht. Sie wiesen nach, dass die Nasennebenhöhlen — die luftgefüllten Hohlräume rund um die Nase — kontinuierlich große Mengen Stickstoffmonoxid produzieren.[2]

Die entscheidende Erkenntnis:

→ Wenn Sie durch die Nase einatmen, strömt die Luft an den Nasennebenhöhlen vorbei und nimmt dabei Stickstoffmonoxid auf
→ Dieses NO gelangt mit der Atemluft in die Lunge, wo es die Blutgefäße erweitert und die Sauerstoffaufnahme um 10 bis 25 % verbessert
→ Von der Lunge aus gelangt NO ins Blut und entfaltet seine Wirkung im gesamten Körper
→ Wenn Sie durch den Mund atmen, umgehen Sie die Nasennebenhöhlen komplett — kein NO wird aufgenommen

Lundberg und Weitzberg fassten es später prägnant zusammen: Die Nase ist nicht einfach ein Luftkanal. Sie ist ein biochemisches Organ, das bei jedem Atemzug ein therapeutisch wirksames Molekül freisetzt — aber nur, wenn man sie benutzt.

Wie Stickstoffmonoxid Entzündungen bekämpft

Stickstoffmonoxid ist kein einfacher Entzündungshemmer. Es wirkt auf mehreren Ebenen gleichzeitig — und die Forschung hat in den letzten Jahren immer mehr dieser Mechanismen entschlüsselt.

Hemmung von NF-κB: NF-κB ist ein Proteinkomplex, der als Hauptschalter für Entzündungsreaktionen im Körper gilt. Er aktiviert die Produktion von entzündungsfördernden Zytokinen wie TNF-α, IL-1β und IL-6. Stickstoffmonoxid hemmt die Aktivierung von NF-κB — und dämpft damit die Entzündungskaskade an ihrer Quelle.[3]

Gefäßerweiterung: Entzündungen verengen Blutgefäße und reduzieren die Durchblutung. NO wirkt als starker Vasodilatator — es entspannt die glatte Muskulatur der Gefäßwände und verbessert die Mikrozirkulation. Besser durchblutetes Gewebe kann Entzündungsprodukte schneller abtransportieren und heilt schneller.

Antimikrobielle Wirkung: NO wirkt direkt antiviral, antibakteriell und antifungal. In der Nase tötet es Krankheitserreger ab, bevor sie die Lunge erreichen — eine erste Verteidigungslinie, die Mundatmer völlig umgehen. Eine Studie im Journal of Virology zeigte, dass Stickstoffmonoxid die Replikation von SARS-CoV-1 hemmt — was später auch für SARS-CoV-2 bestätigt wurde.[4]

Modulation der Immunantwort: NO hilft dem Immunsystem, zwischen angemessener Abwehr und überschießender Reaktion zu unterscheiden. Es reguliert die Aktivität von Makrophagen und T-Zellen und verhindert, dass das Immunsystem gesundes Gewebe angreift — ein Mechanismus, der bei Autoimmunerkrankungen gestört ist.

„Die Nase ist eine Apotheke, die bei jedem Atemzug ein entzündungshemmendes, gefäßerweiterndes und antimikrobielles Medikament freisetzt — kostenlos, nebenwirkungsfrei, 20.000 Mal am Tag.“

— nach Jon Lundberg, Karolinska-Institut Stockholm

Mundatmung: Der stille Entzündungstreiber

Vergleich von Mund- und Nasenatmung

Schätzungen zufolge atmen 30 bis 50 % der Erwachsenen überwiegend durch den Mund — vor allem nachts, aber bei vielen auch tagsüber. Die meisten bemerken es nicht. Die Folgen bemerken sie sehr wohl — sie bringen sie nur nicht mit ihrer Atmung in Verbindung.[5]

Mundatmung ist nicht einfach „weniger optimal“. Sie ist ein eigenständiger Risikofaktor für chronische Entzündungen — und die Mechanismen sind gut dokumentiert:

  🪡 Nasenatmung 👃 Mundatmung
Stickstoffmonoxid Wird aufgenommen — entzündungshemmend Wird umgangen — kein NO in der Atemluft
Luftfilterung Feinstaub, Allergene und Keime werden gefiltert Ungefilterte Luft erreicht direkt die Lunge
Befeuchtung Luft wird auf 95–100 % Feuchtigkeit gebracht Trockene Luft reizt Atemwege — fördert Entzündung
Erwärmung Atemluft wird auf Körpertemperatur gebracht Kalte Luft kann Bronchospasmen auslösen
CO₂-Bilanz Höherer CO₂-Spiegel → bessere O₂-Abgabe CO₂ wird zu schnell abgeatmet → schlechtere O₂-Versorgung
Nervensystem Aktiviert Parasympathikus → Entspannung Aktiviert Sympathikus → Stressreaktion
Mundgesundheit Speichelfluss bleibt stabil — schützend Mund trocknet aus → Karies, Zahnfleischentzündung

Besonders problematisch: Mundatmung und Entzündung verstärken sich gegenseitig. Trockene, ungefilterte Luft reizt die Atemwege, was zu Schwellungen führt, die wiederum die Nasenatmung erschweren — ein Teufelskreis, der viele Menschen in die chronische Mundatmung treibt, ohne dass sie es bemerken.

Der Vagusnerv: Wie Nasenatmung das Nervensystem beruhigt

Die entzündungshemmende Wirkung der Nasenatmung geht über Stickstoffmonoxid hinaus. Ein zweiter, ebenso wichtiger Mechanismus läuft über das autonome Nervensystem — genauer: über den Vagusnerv.

Der Vagusnerv ist der längste Hirnnerv des Körpers. Er verbindet das Gehirn mit Herz, Lunge, Darm und Immunsystem. Er ist der Hauptkanal des Parasympathikus — des Teils des Nervensystems, der für Ruhe, Regeneration und Entzündungshemmung zuständig ist.

2000 entdeckte der Neurowissenschaftler Kevin Tracey am Feinstein Institute in New York einen Mechanismus, den er den „entzündungshemmenden Reflex“ (Inflammatory Reflex) nannte: Der Vagusnerv kann Entzündungsreaktionen im gesamten Körper direkt herunterregulieren — schneller und präziser als jedes Medikament.[6]

Der Zusammenhang zur Nasenatmung:

→ Langsame Nasenatmung — besonders mit verlängerter Ausatmung — aktiviert den Vagusnerv und stimuliert den Parasympathikus
→ Das senkt die Herzfrequenz, reduziert den Cortisolspiegel und dämpft die Produktion entzündungsfördernder Zytokine
→ Mundatmung dagegen ist typischerweise schneller und flacher — sie aktiviert den Sympathikus (Kampf-oder-Flucht) und fördert damit genau die Stressreaktion, die Entzündungen antreibt

Eine Studie im Journal of Alternative and Complementary Medicine zeigte: Bereits 20 Minuten bewusste Nasenatmung pro Tag senkten die Spiegel des Entzündungsmarkers C-reaktives Protein (CRP) bei den Teilnehmenden signifikant — nach nur sechs Wochen.[7]

Der Humming-Effekt: Warum Summen die NO-Produktion vervielfacht

Eine der faszinierendsten Entdeckungen von Lundberg und Weitzberg betrifft einen überraschend einfachen Verstärker: Summen.

In einer 2002 veröffentlichten Studie im American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine zeigten die Forscher, dass Summen während der Ausatmung (Humming) die Stickstoffmonoxid-Konzentration in der Nase um das 15-Fache erhöht — verglichen mit normaler, ruhiger Ausatmung.[8]

Der Grund: Die Vibrationen des Summens öffnen die Ostien — die kleinen Verbindungskanäle zwischen Nasennebenhöhlen und Nasenhaupthöhle — und ermöglichen einen stärkeren Gasaustausch. Das angesammelte Stickstoffmonoxid strömt aus den Höhlen in die Atemluft.

Diese Erkenntnis ist bemerkenswert, weil sie eine uralte Praxis wissenschaftlich untermauert: In der yogischen Tradition ist Bhramari Pranayama — die „Bienen-Atmung“, bei der summend ausgeatmet wird — seit Jahrhunderten als heilsam bekannt. Die moderne Forschung kann jetzt erklären, warum.

Chronische Entzündungen: Warum das Thema so wichtig ist

Frau bei bewusster Atemübung

Vielleicht fragen Sie sich: Wie relevant sind Entzündungen überhaupt für mich? Die Antwort: wahrscheinlich relevanter, als Sie denken.

Die medizinische Forschung der letzten 15 Jahre hat gezeigt, dass chronische, niedriggradige Entzündungen — sogenannte Silent Inflammation — an der Entstehung nahezu aller großen Zivilisationskrankheiten beteiligt sind:

→ Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Entzündungen in den Gefäßwänden sind der Haupttreiber von Arteriosklerose
→ Typ-2-Diabetes: Entzündungen stören die Insulinsignalwege und fördern Insulinresistenz
→ Neurodegenerative Erkrankungen: Neuroinflammation spielt eine zentrale Rolle bei Alzheimer und Parkinson
→ Depression: Erhöhte Entzündungsmarker finden sich bei einem großen Teil der Betroffenen
→ Autoimmunerkrankungen: Das Immunsystem greift durch fehlgeleitete Entzündungen körpereigenes Gewebe an
→ Krebs: Chronische Entzündungen schaffen ein Milieu, das die Tumorentstehung begünstigt

Alles, was chronische Entzündungen reduziert — sei es Ernährung, Bewegung, Schlaf oder eben Atmung — hat damit das Potenzial, das Risiko für eine Vielzahl von Erkrankungen gleichzeitig zu senken. Nasenatmung ist einer der einfachsten und am meisten unterschätzten Hebel in diesem System.

Praktisch: So wechseln Sie zur Nasenatmung

Wenn Sie bisher überwiegend durch den Mund atmen — vor allem nachts — ist der Umstieg einfacher, als Sie vielleicht denken. Der Körper ist für Nasenatmung gebaut. Er muss nur wieder daran erinnert werden.

🚦 5 Schritte zur Nasenatmung im Alltag

1. Bewusstsein schaffen: Beobachten Sie einen Tag lang, wie Sie atmen. Setzen Sie sich 3 Handy-Erinnerungen — morgens, mittags, abends. Fragen Sie sich jedes Mal: Atme ich gerade durch die Nase oder den Mund?

2. Lippen schließen: Der einfachste Trick: Achten Sie darauf, dass Ihre Lippen geschlossen sind und die Zungenspitze locker am Gaumen hinter den oberen Schneidezähnen ruht. Diese Ruheposition ist die natürliche Haltung für Nasenatmung.

3. Nasenatmung beim Gehen: Üben Sie Nasenatmung bei leichter Bewegung — Spaziergängen, Einkaufen, Treppensteigen. Solange Sie durch die Nase atmen können, ist die Intensität angemessen.

4. Mouth Taping nachts: Viele Experten empfehlen, die Lippen nachts mit einem speziellen Schlafpflaster (Mouth Tape) sanft zu verschließen. Klingt ungewöhnlich, ist aber bei freier Nase sicher und fördert die nächtliche Nasenatmung enorm. Beginnen Sie testweise tagsüber für 30 Minuten.

5. Summen integrieren: Summen Sie morgens oder abends für 5 Minuten während der Ausatmung — ein langer, gleichmäßiger Summton. Das vervielfacht die NO-Produktion in den Nasennebenhöhlen und trainiert gleichzeitig die langsame Ausatmung.

Wenn die Nase verstopft ist: Chronisch verstopfte Nasen sind häufig — aber oft ein Resultat der Mundatmung, nicht deren Ursache. Wenn die Nase über Wochen konsequent benutzt wird, öffnet sie sich bei vielen Menschen von selbst. Unterstützend wirken Nasenspülungen mit isotonischer Kochsalzlösung und die Abklärung möglicher struktureller Ursachen (Septumdeviation, Nasenpolypen) beim HNO-Arzt.

Was die Forschung noch herausgefunden hat

Die Wissenschaft rund um Nasenatmung und Entzündungen ist jung — und liefert laufend neue Erkenntnisse:

→ Schlafapnoe und Entzündung: Mundatmung im Schlaf ist eng mit obstruktiver Schlafapnoe verbunden — einer Erkrankung, die chronische systemische Entzündungen verursacht und das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall verdoppelt
→ Kinder und Mundatmung: Chronische Mundatmung bei Kindern ist mit veränderter Gesichtsentwicklung, Zahnfehlstellungen, Aufmerksamkeitsstörungen und erhöhter Infektanfälligkeit assoziiert
→ Sport und Leistung: Athleten, die auf Nasenatmung umsteigen, berichten über bessere Ausdauer, schnellere Erholung und weniger belastungsinduziertes Asthma
→ COVID-19: Während der Pandemie gab es vermehrt Forschungsinteresse an der antiviralen Wirkung von nasalem Stickstoffmonoxid. Mehrere klinische Studien untersuchten inhaliertes NO als unterstützende Therapie bei COVID-19-Patienten

Der älteste Atemtipp — neu verstanden

Yoga-Praktizierende betonen seit Jahrtausenden die Bedeutung der Nasenatmung. Traditionelle Medizinsysteme weltweit — von der chinesischen Medizin bis zur ayurvedischen Tradition — behandeln den Mund als Öffnung zum Essen und Sprechen, nicht zum Atmen.

Die moderne Wissenschaft bestätigt jetzt, was intuitive Heiltraditionen schon lange wussten: Die Nase ist nicht einfach ein alternativer Luftkanal. Sie ist ein hochspezialisiertes Organ, das die Atemluft filtert, befeuchtet, erwärmt und mit einem entzündungshemmenden Molekül anreichert.

Jeder Atemzug durch die Nase ist eine Mikrodosis Medizin. Jeder Atemzug durch den Mund ist eine verpasste Gelegenheit.

Die gute Nachricht: Sie können jetzt sofort damit beginnen. Schließen Sie die Lippen. Atmen Sie durch die Nase ein. Langsam durch die Nase aus. Spüren Sie, wie die Luft durch Ihre Nasenmuscheln strömt, gefiltert, erwärmt, angereichert mit Stickstoffmonoxid.

20.000 Atemzüge am Tag. 20.000 Gelegenheiten, Entzündungen zu reduzieren. Alles, was Sie ändern müssen, ist der Weg, den die Luft nimmt.

Referenzen

  1. ↑1 Furchgott, Ignarro, Murad — Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 1998
    https://www.nobelprize.org/prizes/medicine/1998/summary/
  2. ↑2 Lundberg JO, Weitzberg E, Nitric oxide in exhaled air, European Respiratory Journal, 1999
    https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/10573248/
  3. ↑3 Pacher P et al., Nitric Oxide and Peroxynitrite in Health and Disease, Physiological Reviews, 2007
    https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17237344/
  4. ↑4 Åkerström S et al., Nitric Oxide Inhibits the Replication Cycle of Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus, Journal of Virology, 2005
    https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15650225/
  5. ↑5 Nestor J, Breath: The New Science of a Lost Art, Riverhead Books, 2020
    https://www.mrjamesnestor.com/breath
  6. ↑6 Tracey KJ, The inflammatory reflex, Nature, 2002
    https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12490958/
  7. ↑7 Kuppusamy M et al., Effects of Bhramari Pranayama on health, Journal of Traditional and Complementary Medicine, 2018
    https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29321961/
  8. ↑8 Weitzberg E, Lundberg JO, Humming Greatly Increases Nasal Nitric Oxide, American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine, 2002
    https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12119224/

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Anja Fried

Geschrieben von: Anja Fried
Redakteurin | Gesundheitsberaterin

Anja ist Gesundheitsberaterin und Autorin bei Naturheilratgeber. Ihr Schwerpunkt liegt auf evidenzbasierten Alltagsgewohnheiten und der Verbindung zwischen Lebensstil und langfristiger Gesundheit.